Wie Ossli zu uns kam…

Es war die letzte Woche des Jahres 1994…

Ich war alleine zuhause – wo mein Mann war, kann ich nicht mehr sagen – entweder in der Arbeit, oder zu Besuch bei seinen Eltern. Nein, eigentlich war ich nicht alleine – unsere Katze Fatima leistete mir Gesellschaft. Leider hatten wir ihren Bruder Cäsar ein halbes Jahr zuvor im Alter von 14 Jahren einschläfern lassen müssen – Hautkrebs im Endstadium.

Fatima
Cäsar

Cäsar und Fatima waren seit ihrer Geburt bei uns – ihre Mutter Ziza war mir 1980 zugelaufen – und hatte mit Brutus, den ich als Gefährten dazugekauft hatte, zweimal Junge gehabt. Ziza war eine dreifärbige kurzhaarige Hauskatze, Brutus ein graubraun getigerter Kater. Brav nach den Mendelschen Vererbungsgesetzen war im ersten Wurf jede Farbe extra vertreten: das erste Kätzchen graugetigert, das zweite schwarzweiß, das dritte – ein wirklich großes Katerchen – das wir Cäsar nannten, rotweiß – und schließlich Fatima, ein halb weiß, halb graugetigertes Mädchen, das ich nach der kräftezehrenden Geburt von Cäsar mit der Schere abnabeln musste. Der zweite Wurf war dagegen so, wie eigentlich schon beim ersten erwartet – lauter getigerte Exemplare – fünf – und allesamt Mädchen.

Von all diesen vielen Fellnasen gab es bei uns eben nur mehr unsere Fatima – gutmütig, neugierig – aber vorsichtig, und dazu blitzgescheit. Und weil sie eben so schlau war, hielten wir zur Vorsicht die Wohnzimmertür immer geschlossen – Fatima hätte sonst immer selbst herausgefunden, welche Leckereien der Kühlschrank für sie – und uns – beinhaltete. Sie hatte oft bewiesen, dass sie ihn leicht knacken konnte – und auch das Eisfach stellte kein Hindernis für sie dar. Cäsar hatte immer Schmiere gestanden und sie inzwischen alles gemopst, was fressbar und lecker schien. Das Einzige, was sie sie leider nicht im Anschluss an ihre Raubzüge machte: die Eisschranktüre wieder zu schließen – sie hatten ja, was sie wollten.

„Meine Mama!“
„Meine Fatima!“

Aber ich schweife ab…

Ich war also allein mit Fatima zu Hause – es war nachmittags so gegen 15:00. Plötzlich läutete es an der Wohnungstür. (Unser Haus ist ein Mietshaus aus dem Jahr 1896 und wird von ca. 40 Parteien bewohnt.) Vor mir stand eine Mitmieterin aus dem Mezzanin mit einem kleinen Fellbündel mit einem rosa Schnäuzchen und riesigen Augen im Arm. Es musste hörbar geknackst haben, denn mein Herz war augenblicklich gebrochen.

„Ich weiß, sie haben Katzen – ist das eine von ihren? Ich habe sie vor meiner Türe sitzend im Stiegenhaus gefunden.“
„Ähm – nein. Aber… ich kümmere mich gerne darum!“ Ich hoffe, mir hing kein Sabberfaden aus dem Mundwinkel!
Erleichtert übergab sie mir den kleinen Flauschball – der einen beachtlich buschigen Schwanz hatte – und ging. Nun stand ich da – mit einem kleinen Kätzchen von ca. 3 Monaten in Händen. Da ich nicht wusste, wie das mit Fatima laufen sollte, bis der Besitzer des Kätzchens ermittelt war, sperrte ich die beiden Fellnasen auseinander – Fatima im Schlafzimmer, das Kätzchen im Wohnzimmer. Man weiß ja nie…

Erst einen ganzen Tag später läutete es wieder – und ein ziemlich dunkelhäutiger bärtiger Mann erklärte mir in eher gebrochenem Deutsch, dass ich wohl seine Katze hätte. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge übergab ich ihm sein Katzentier.

Damit hätte diese Geschichte eigentlich zu Ende sein können. Aber siehe…

Es vergingen ungefähr 2 Wochen, als es wieder an der Wohnungstür läutete.  Es war früher Nachmittag. Als ich öffnete, stand eine mir bislang unbekannte Frau gegenüber, die sich als die Frau des bärtigen Mannes vorstellte, der das Kätzchen vor 2 Wochen abgeholt hatte.

Zu meiner großen Überraschung fragte sie mich, ab ich denn die „Katze“ nicht übernehmen wollte!?! Sie erklärte mir, dass sie zwei kleine Kinder hätte und ihr das einfach zu viel Stress bedeute, auch noch eine Katze zu haben. Der Mann schien das Tier zu Weihnachten nach Hause gebracht zu haben, ohne es zuvor mit ihr besprochen zu haben – und sie wollte das Fellbündel nun loswerden – vorzugsweise in seiner Abwesenheit.

Mein Herz hüpfte so sehr, dass ich dachte, ich bekäme Schluckauf! Ich schnappte die Wohnungsschlüssel und ging mit der Frau Richtung Treppe, denn die Familie wohnte im Halbstock über uns. Auch ihre Wohnungstür stand offen und sie holte, während ich im Stiegenhaus wartete, ein paar Sachen, die sie dem Kätzchen mitgeben wollte – unter anderem ein kleines Lammfell und ein Katzenspielzeug. Während sie mir noch erklärte, wie schlimm es bei ihnen zuging, seitdem die „Katze“ da war, marschierte plötzlich ebendiese an uns vorbei – schnurstracks durch unsere Wohnungstüre!

Im Wohnzimmer, dessen Tür auch offen war, stand Fatima und betrachtete neugierig das Geschehen. Das Fellknäuel marschierte auf sie zu – blieb genau vor ihr stehen und – hob beide Vorderpfoten und haute ihr links/rechts eine runter – wie der Wiener sagt: „a Tschinölln“. (Tschinelle: Paarbecken) Fatima erschrak fast zu Tode und rannte davon, miauend und fauchend… na toll!

Dieses kleine Mistvieh hatte sich, wenn keinen Feind, dann doch keinen Freund geschaffen. Und das blieb leider auch so. Eine gewisse Toleranz war das Höchste der Gefühle, das Fatima  dem kleinen Kerlchen fortan entgegenbrachte – was aber verständlich war, denn der Kleine war ein ruppiges Kerlchen und leider lange kein Schmusekätzchen. Fatima wäre sicherlich eine begnadete Katzenmutter gewesen, aber der kleine Racker wollte eher einen Spielkameraden zum Herumtoben und -balgen. Dafür aber war Fatima schon zu alt. Im Laufe der nächsten drei Monate fanden wir heraus, dass die Katze, die wir „Isis“ getauft hatten, ein kleiner Kater war (die Hoden schienen sich erst spät gesenkt zu haben), also mussten wir eine Neubenamsung vornehmen: „Osiris“. Da er aber offensichtlich diesen Namen nicht so berauschend fand, experimentierten wir ein bisschen herum und bei „Ossi“ spitzte er plötzlich die Ohren. Ok, also Ossi!

Leider habe ich keine Fotos aus der Kätzchenzeit von Ossli, wie wir ihn später nannten, obwohl ich meine, auch damals schon irgendein Minifotofiziergerät gehabt zu haben. Aber ich kann immerhin einige Fotos aus seiner frühen Erwachsenenzeit beisteuern…

Ups, unser Engelchen war doch nicht immer so brav…

„Ich hab‘ das Handtuch runtergerissen? Gar nicht!“
„Wehe, wenn du mich nochmal aufweckst!“
„Wieso tut mir die Kralle so weh, wenn ich sie doch nicht mehr habe?“
„Hehe, mit Papa kann ich alles machen. Der kann mir einfach nicht böse sein!“

Das ist inzwischen laaange her – und selbst Ossli ist mit zwanzigeinhalb Jahren über die Regenbogenbrücke gegangen, altersschwach und unter schlimmen Arthrosen leidend. Seine Niereninsuffizienz, die wir mehr als 7 Jahre in Schach halten konnten, da wir ihm nicht das kleinste Btöselchen Trockenfutter gaben, sondern nur Katzenfutterbeutelchen mit extraviel Sauce, hatte ihn schlußendlich leider doch eingeholt. So mußten wir ihn schweren Herzens einschläfern lassen, um ihm unnötiges Leid zu ersparen – aber in unseren Herzen leben alle unsere Familienmitglieder – wieviel Pfoten, Hände oder sogar Flossen sie haben – solange weiter, bis auch wir die Radieschen von unten betrachten…

6 Kommentare on “Wie Ossli zu uns kam…

  1. Buch! Wir wollen ein Buch von dir! Denk an „Willkommen Österreich“! So eine schöne Geschichte, war mit dabei. Ich glaube, Ossi wollte nichts lieber, als bei euch einziehen, raus aus dem Trubel. 20 Jahre, das ist doch toll für eine Katze. Freue mich schon jetzt auf die nächste Geschichte von dir.

    1. Also eigentlich hatte ich seit dem Weihnachtskalenderbuch nichts mehr geschrieben – bis auf ein paar Gedichte zu irgendwelchen Ehrentagen. Soreylia und ich wollten auch nichts ins Netz stellen – aus Angst davor, dass sich dann vielleicht irgendwer mit fremden – also unseren – Federn schmücken könnte.
      Seit Soreylias Tod denke ich ganz anders darüber: Denn wenn ich nicht ihre Geschichten unter geeignetes Publikum bringe und damit Freude bereite – dann war alles für die große Rundablage… Viel Herzblut liegt in unseren Geschichten -wäre schade drum!
      Seit diese wundervolle seite existiert, ist der Lebenswille meiner Finger und meines Keyboards aber wieder geweckt – und dafür zeichnet ihr verantwortlich! IUch freue mich immer, wenn es euch gefällt, was ich aus unserem Fundus krame oder was mir an Neuem so einfällt.
      So, und jetzt gehe ich mal ein bisschen kramen…

  2. Es ist immer traurig, wenn man ein geliebtes Tier gehen lassen muß. Habe es schon mehrfach erlebt, als Kind gleich 2 Tiere an einem Tag. Mein Wellensittich und meine Katze, beide plötzlich verschwunden. Den Wellensittich hatte mein Bruder entkommen lassen, weil er das Fenster auf gemacht hatte und meine Katze soll ertrunken (worden) sein. Das kann ich aber nicht beweisen und traue mich auch nicht zu fragen, ob es stimmt… Wenn ich Katze wäre, ich wäre auch dem Kindertrubel entwischt und zu Euch gezogen. Manche Katzen suchen sich eben eine neue Familie, wenn es ihnen zu Hause nicht gefällt. Das gab es schon mehrfach.
    Auch ich wünsche mir mehr Geschichten von dir, wenn es welche mit Katzen sind, um so schöner. Danke.

  3. Danke für die schöne Geschichte und danke fürs Teilen – finde ich also eine sehr gute Entscheidung von dir! 😊 Ich staune ja immer wieder, wie selbstsicher einige Katzis so sind… 😼

  4. Das machen Miezen einfach so, sich die Dosenöffner selbst auszusuchen. Der Kater hat mit euch eine sehr gute Wahl getroffen, sonst wäre er nicht so alt geworden. Prima Story….bei euch kann man getrost Mieze sein😅😀👍🖐😊

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