Weihnachtsgeschichte 5 (2021)

Martin und der Rabe

Wieder einmal ging es auf Weihnachten zu. Die Landschaft war tief verschneit und das kleine Dorf wie mit Zuckermasse übergossen. Wie schon im vorigen Winter stapfte Martin, seitdem es zum ersten Mal geschneit hatte, jeden Nachmittag zur Fütterungsstation, wo die Wildtiere bei schlechter Wetterlage zugefüttert wurden. Da gab es Raufen mit Heu und Rosskastanien sowie Salzlecksteine für die Hirsche und Rehe, Baumstümpfe, die mit öligen Nüssen bestreut waren, Bäume, an deren tiefen Ästen Meisenknödel und -ringe sowie Futterhäuschen, gefüllt mit Samen, hingen.

Martin war bereits neun Jahre alt und hatte voriges Jahr viel über die Vögel, die in dieser Gegend lebten, von seinem Großvater gelernt. Er liebte es, den Flattergesellen zuzusehen, wenn sie sich an den Früchten und Kernen labten und konnte darüber immer wieder die Zeit vergessen. Mit zwei Meisenknödeln, einem Meisenring und ein paar Nüssen für die Eichhörnchen bewaffnet, stapfte er durch den schon ordentlich tiefen Schnee. Dieses Jahr hatten ihm die Eltern erlaubt alleine zu gehen, da der Weg zur Futterstation keine Straßen kreuzte, die von Autos befahren wurden und Martins Großvater stark verkühlt war und das Bett hüten musste.

Nach einer Viertelstunde war er am Ziel und begann, seine Schätze für die Bedürftigen auszulegen. Danach zog er sich unter eine Fichte zurück, um die Vögel beobachten zu können, ohne sie zu stören. Es dauerte auch gar nicht lange und eine Amsel fand sich ein, danach drei Meisen und ein Dompfaff sowie eine kleine Zahl von Spatzen, die heftig zwitschernd hin und her hüpften, um da und dort zu naschen. Er beobachtete mit leuchtenden Augen das Kommen und Gehen der kleinen Flieger, als plötzlich große Unruhe unter ihnen aufkam. Unter lautem Gekrächze landete ein Rabe auf dem größten Baumstumpf und flatterte ein paar Mal, um die anderen Vögel zu verscheuchen. Dann machte er sich gierig über die Früchte und Samen her.

Das gefiel Martin gar nicht, weil er es ungerecht fand, dass ein so großes, offensichtlich wohlgenährtes Tier alle kleinen verdrängte und ihnen alles wegaß. Kein Wunder, dass sein Gefieder wunderbar blauschwarz schimmerte und sein Bäuchlein prall gefüllt schien, konnte er doch alles, was für eine ganze Schar von Vögeln reichen hätte sollen, alleine fressen. Kurz entschlossen sprang Martin aus der Deckung hervor, klatschte laut in die Hände und versuchte so, den herrischen Raben in die Flucht zu schlagen. Der Rabe allerdings starrte ihn ungerührt mit seinen klugen Augen an und ließ es sich weiterhin schmecken. Erst als Martin ihn fast berühren konnte, flatterte er auf und verschwand. Zufrieden mit seiner resoluten Tat nahm Martin die verbliebenen Futterstücke und richtete sie neuerlich an. Er wartete noch eine Weile, bis die Vögel wieder erschienen und den zugegebenermaßen jetzt eher kargen Rest zusammengeputzt hatten. Morgen würde er ja wiederkommen und wieder Futter bringen, bis dahin würden seine kleinen Freunde sicher durchhalten.

 Am nächsten Tag hatte Martin etwas mehr im Gepäck: Er hatte nach der Schule eine Vogelfutterstange, einen Müsli-Kolben und einen Fünferpack Meisenringe erstanden, von denen er zwei auch gleich verwenden wollte. Zu Hause schlang er sein Mittagessen in Rekordzeit hinunter, versprach seiner Mutter, vor der Dämmerung wieder zu Hause zu sein und dann brav Aufgaben zu machen und eilte bereits wieder in Richtung Futterstation. Es waren ja nur mehr drei Tage bis Weihnachten, am Vierundzwanzigsten hatten die Kinder sowieso schulfrei und dann begannen die Weihnachtsferien. Da konnte er dann nach Belieben seinem Hobby nachgehen und die Vögel wieder eingehend beobachten.

 Bei der Futterstation angekommen, breitete er das Mitgebrachte sorgfältig aus, hängte die Meisenringe an zwei der niedrig hängenden Äste, die er gut erreichen konnte und freute sich schon auf die Begeisterung der Vögel, wenn sie den Müsli-Kolben und die Futterstange entdeckten. Wie immer zog er sich in seine Beobachtungsnische unter der Fichte zurück. Es dauerte auch gar nicht lange und die ersten Spatzen kamen und flatterten interessiert um das neue Angebot herum, um sich dann mehrheitlich für den Müsli-Kolben zu entscheiden. Auch zwei Amseln kamen, um sich anzusehen, was denn heute für sie zu erhaschen war. Dann allerdings ertönte wieder ein Gekrächze und der Rabe erschien erneut. Zuerst wollte Martin schon wieder losstürmen und ihn schnell verscheuchen, dann riss er sich zusammen und beäugte das Tier genauer. Da war ihm doch gestern etwas aufgefallen? Was war das denn nur gewesen? Ah ja, als ihm der Vogel den Rücken zuwandte, sah er es – der Rabe hatte am Schopf einige hellere Federn, ähnlich wie ein Pferd auf Stirne oft eine Blesse hat. Damit war sich Martin sicher, dass es der gleiche Vogel wie gestern war und es hoffentlich auch keine anderen seiner etwaigen Familienmitglieder hierher verschlagen hatte – denn dann sah er schwarz für die kleineren Vögel – und eine Meute gieriger Raben würde er sicher nicht füttern!

Er brach aus seinem Versteck hervor, klatschte wieder lautstark und rannte laut schreiend auf den Raben zu, der wieder erst kurz, bevor Martin ihn berühren hätte können, aufflatterte und flüchtete. Die Samen waren weg, die Futterstange zerrissen und die Müslistange vollkommen zerhackt und fast aufgefressen. Lediglich die Meisenringe waren relativ unbeschadet geblieben, weil Martin sie etwas weiter weg von den Raufen und Baumstümpfen aufgehängt hatte. Der Junge blieb bis zur Dämmerung um sicherzustellen, dass die Vögel nicht erneut diesem schwarzen Räuber Platz machen mussten. Das gab zu Hause ein paar mahnende Worte! Martin allerdings machte sich nicht viel daraus – er war mit sich zufrieden. Er wusste nicht genau warum, aber irgendwie wollte er nicht von den Begegnungen mit dem Raben erzählen – vielleicht wegen seines Großvaters, dem das unter Umständen nicht gefallen hätte, dass Martin ihn verscheucht hatte – es war halt so ein Gefühl, dass er nicht genau beschreiben konnte.

 Am nächsten Tag mopste Martin ein paar Sonnenblumenkerne aus der Küche, die eigentlich zum Naschen für Menschen gedacht waren und holte ein paar Walnüsse aus dem Keller, da sein Taschengeld nicht dazu reichte, jeden Tag große Portionen Vogelfutter zu kaufen. Er nahm auch einen der drei verbliebenen Meisenringe mit, nur für den Fall, dass die beiden vom Vortag schon aufgefressen wären.

 Als er ankam, stockte sein Atem. Mitten auf dem Baumstumpf hockte der Rabe, rundherum war alles verwaist – bis auf einige Rehe, die gemächlich kauend von der Weite das Geschehen beobachteten. In Martin wallte Zorn auf, er fasste in den Schnee, formte eilig einen losen Schneeball und warf ihn in Richtung Rabe. Der stieg auf, krächzte und wich dem Schneeball höchst elegant aus. Er flatterte noch eine Runde um die Futterstelle und verschwand dann über den Baumspitzen. Mit bösen Worten auf den Lippen machte Martin den Baumstumpf sauber, legte alles aus, was er mitgebracht hatte, verzog sich unter den Baum und begab sich auf Wache. Sehr zögerlich erschienen einige Vögel – zumindest die Spatzen, die für ihre Frechheit ja bekannt sind, fanden sich bald ein und ließen sich die Samen schmecken. Diesmal kamen keine Amseln, lediglich ein Grünfink schaute vorbei und tat sich an einigen Kernen gütlich. Enttäuscht machte sich Martin auf den Heimweg, sicher, dass nun keine Vögel mehr kommen würden.

 Wie konnte er dem frechen schwarzen Ungetüm nur beikommen? Er machte halbherzig seine Hausaufgaben, die sowieso schon kärglich ausfielen, was aber knapp vor Weihnachten nicht so schlimm war, weil alle Schüler nur mehr Geschenke, Urlaub, Besuche und Ähnliches im Kopf hatten und die Lehrer daher nur geringe Anforderungen stellten. Dann aß er zu Abend, kaute dabei lustlos am Kaiserschmarrn herum, der eigentlich eine seiner Leibspeisen war, weil er in Gedanken nur bei den Vögeln und dem Rabenproblem war. Die Mutter beobachtete ihn verdutzt und fragte sich, was denn mit Martin los sei. Der antwortete aber auf die Frage nach seinem Befinden, dass alles ok und er nur ein wenig müde sei. Er verzog sich auch bald darauf in sein Zimmer, wo er nach einigem Herumüberlegen in einen tiefen Schlaf fiel.

 Am nächsten Tag stürzte Martin sein Mittagessen hinunter und schnappte sich ein paar Nüsse und Samen, kramte im Küchenkasten nach Haferflocken und verließ eilig das Haus. Als er an der Fütterungsstation ankam, sah er in der Ferne noch den Förster, der eben neues Heu in die Raufen gefüllt hatte. Er legte seine Mitbringsel aus und versteckte sich. Lange geschah nichts, dann hörte er Flügelrauschen und der verhasste Rabe landete auf dem Baumstumpf. Na, jetzt schlug’s aber dreizehn! Hastig formte Martin vier Schneebälle, warf sie auf den Raben, verfehlte ihn aber in seiner Aufregung und lief laut schreiend und klatschend ein weiteres Mal los, um seinen Feind wieder zu verscheuchen. Der pickte ungerührt die besten Stücke auf, bis Martin ihn fast erreicht hatte, und verschwand. Also jetzt hatte Martin die Nase aber wirklich gestrichen voll. Gestern hatte er noch herum überlegt, ob er vielleicht eine Vogelscheuche basteln sollte, den Gedanken aber wieder verworfen, weil er dann ja alle Vögel damit erschrecken würde und nicht nur den Raben – dann würde kein Vogel mehr zufliegen und alles wäre umsonst.

Da fiel ihm etwas ein: Er hatte im letzten Sommer zum Geburtstag ein kleines Gewehr vom Vater zum Geburtstag bekommen. Er hatte es auch gleich ausprobiert, wollte damit auf eine alte Dose schießen, hatte sich bei dem Knall aber fürchterlich erschrocken und dadurch irgendwie die Lust am Schießen verloren. Der Großvater war darüber sehr erfreut gewesen, weil er dem Herumballern oder vielleicht sogar Tiere Töten gar nichts abgewinnen konnte. Da war ihm schon lieber, dass sein Enkel mit ihm lange Beobachtungsspaziergänge machte, bei denen er ihm viel über die heimischen Tiere beibringen konnte. Er hatte seinen Sohn sowieso nie verstanden, der auch ab und zu auf die Jagd ging und seine Beute dann mit stolzgeschwellter Brust vorzeigte und dafür Bewunderung erwartete.

Martin hatte das kleine Gewehr im Waffenschrank vergraben und seither eigentlich auch nicht mehr daran gedacht. Bis jetzt. Aber nun formte sich in Martins Kopf ein Gedanke: Dieser Rabe wusste doch vielleicht, was so ein Gewehrknall bedeutete? Er brauchte doch nur in die Luft oder den Boden zu schießen – vielleicht reichte das, um dieses Ungetüm endgültig zu verscheuchen? Morgen war Weihnachten, da wollte er, solange seine Eltern den Baum schmückten und er sowieso im Weg war, zur Fütterungsstation und ganz besonders leckere Sachen für seine geliebten Vögel auslegen – da konnte er diesen vermaledeiten Raben gleich gar nicht brauchen!

Mit entschlossener Miene kehrte Martin nach Hause zurück. Er wusste wo der Vater den Schlüssel für den Waffenschrank aufbewahrte. Er wartete nervös darauf, bis alle zu Bett gegangen waren und holte den Schlüssel. Leise schlich er zum Waffenschrank und nahm das Gewehr heraus. Dann suchte er noch ein paar Schuss Munition aus der Schublade im Nachbarschrank. Schließlich legte er den Schlüssel wieder an seinen Platz und ging hoch in sein Zimmer. Er vergewisserte sich, ob er noch wusste, wie die Waffe funktionierte und steckte sie dann in seinen großen Rucksack. Dann ging er in den Keller und trug alle Leckereien, die er für Weihnachten aufgehoben hatte, hinauf in sein Zimmer, wo er sie in den Rucksack stopfte. Morgen konnte er ja schon früher losziehen, weil ja die Ferien beginnen würden – dann könnte er die Sache mit dem Raben vielleicht so früh erledigen, dass die anderen Vögel, die den Schuss vielleicht von der Weite auch gehört hatten, sich wieder beruhigen würden und zuflögen. Dann wäre es genauso, wie er sich Weihnachten eigentlich vorgestellt hatte, bevor dieses Unglücksvieh auf der Bildfläche erschienen war.

 Am nächsten Tag konnte Martin es nicht erwarten loszuziehen. Als ihn der Großvater fragte, was er den vorhätte, erzählte ihm Martin, was für Leckerbissen er für die Vögel gehortet hatte und wie sehr er sich auf die munteren Gesellen freute. Das mit dem Raben und dem Gewehr verschwieg er tunlichst, damit sich der Großvater nicht aufregte – mal abgesehen davon, dass ihm der Vater verboten hatte, an den Waffenschrank zu gehen. Es hatte in der Früh leicht zu schneien begonnen – wie es sich auch für ein ordentliches Weihnachten gehörte. Mit grimmiger Miene stapfte Martin in Richtung Futterstelle. Da war um diese Zeit noch nichts los. Kein Hirsch, kein Reh, nur ein Eichhörnchen raste von Ast zu Ast – mit einem Tannenzapfen im Maul. Wahrscheinlich würde es ihn verstecken und dann im Frühjahr vergessen haben, wo es ihn gelassen hatte.

 Martin wusste genau, dass er ein wenig Futter auslegen musste, um den Raben anzulocken – er hoffte, dass der gierige Vogel als erster erscheinen würde, dann würde er zumindest keine anderen Vögel erschrecken. Er legte zwei große Apfelstücke, einige Mehlwürmer und ein paar Haselnüsse auf den großen Baumstumpf und versteckte sich hinter der Fichte. Nach einer geschätzten Ewigkeit hörte er das erwartete Flügelrauschen und der Rabe setzte zur Landung auf dem so reichlich gedeckten Tisch an. Martin lud die Waffe, legte das Gewehr an und kam hinter dem Baum hervor. Den Raben schien das, wie üblich, völlig kalt zu lassen, er pickte genüsslich die feinen Sachen auf. Martin beschloss, nicht in die Luft, sondern in den Boden vor dem Raben zu schießen, weil er sich davon eine nachhaltigere Wirkung erhoffte. Er zielte, so gut er konnte, kniff dabei ein Auge zu und betätigte den Abzug. Leider war Martin aber durch seine mangelnde Begeisterung an diesem Ding kein guter, oder – besser gesagt – eher ein hundsmiserabler Schütze. Der Schuss ging los, es krachte wie beabsichtigt – nur staubte es nicht im Schnee – aber dafür fiel der Rabe um wie ein Stück Holz.

 Martin entfuhr ein Schrei – aber kein freudiger. DAS hatte er nun doch nicht gewollt! Verscheuchen auf Nimmerwiederkehren, das ja, aber er hatte den Vogel doch nicht umbringen wollen! Der Junge sackte auf die Knie und fing bitterlich zu weinen an. Was sollte er jetzt tun? Nach Hause gehen und beichten, was er angerichtet hatte? Nein, auf keinen Fall, Großvater würde entsetzlich wütend sein. Liegen lassen konnte er das Tier auch nicht, irgendwann würde es der Förster finden und sehen, dass es jemand erschossen hatte. Er musste den Vogel begraben. Eine anständige Beerdigung war er dem armen Kerl einfach schuldig. Er steckte das Gewehr wieder in den Rucksack, legte eilig die Schätze für die Vögel aus und stolperte nach Hause.

Dort angekommen, verschwand er eilig in seinem Zimmer, stopfte das Gewehr in den hintersten Winkel seines Kleiderkastens und kramte eine Schachtel hervor, in der normalerweise seine Turnschuhe für den Sommer aufbewahrt wurden. Dann schummelte er sich am Wohnzimmer vorbei, ohne dass ihn jemand sah und rannte zurück an den Waldrand. Dort lag immer noch der arme Rabe, ein wenig mit Schneeflocken bedeckt, neben dem großen Baumstumpf. Die Vögel hatten sich bisher offensichtlich nicht zum Futter anzufliegen getraut, solange der Riesenvogel da herumlag. Martin konnte sich nicht überwinden, den Vogel mit bloßen Händen anzufassen, er hatte noch nie ein totes Tier in der Hand gehabt – ihm graute davor – vor allem, weil er diesen Vogel ermordet hatte – und so ließ er die Handschuhe an. Traurig schaute er auf das Büschel hellerer Federn auf dem Hinterkopf und legte den Raben in die Schachtel. Nun wollte er ihn begraben – nur hatte er in der Eile keinen Spaten mitgenommen. Die Schachtel konnte er aber auch nicht so liegen lassen –

also nahm er das Tier wieder heraus, legte es unter seine Beobachtungsfichte und nahm einige Tannenzweige aus einer Raufe, um ihn damit zuzudecken. Morgen würde er wiederkommen und den Raben beerdigen.

 Mit hängendem Kopf und vom Weinen roter Nase kehrte er in der Dämmerung nach Hause zurück. Nur jetzt nichts anmerken lassen! Im Esszimmer war schon angerichtet – Es gab Erbsensuppe, Fisch, Braten, Kartoffeln, dreierlei Salat – ein tolles Weihnachtsessen. Martin aber blieb bereits der erste Bissen im Halse stecken. Er hatte ein unschuldiges Tier getötet. Eigentlich hatte auch der Rabe ja nur nach seiner Natur gehandelt, wenn man es genau überlegte. Er konnte sich einfach nicht zum Essen überwinden. Seine Mutter griff besorgt nach seiner Stirn – nein, Fieber hatte Martin nicht – naja, vielleicht NOCH nicht. Vielleicht sollte er sich nach der Bescherung mit einer Wärmeflasche ins Bett legen, er hatte ja ganz klamme Hände. Auch die Bescherung ging wie ein Traum an Martin vorbei – sogar seine Schwester, die um zwei Jahre jünger war, guckte ihn verdutzt an, dass er sich so gar nicht für seine Geschenke interessierte. Nun schickte ihn die Mutter zu Bett, in der festen Meinung, der Großvater habe letztlich den Buben doch noch angesteckt. Vielleicht ginge es ihm ja bald besser und dann würde er sich immer noch über die Geschenke freuen. Martin war das nur recht, er konnte und wollte niemandem in die Augen schauen. Nachdem seine Mutter das Zimmer verlassen hatte, zog er sich die Decke über den Kopf und fing bitterlich zu weinen an. Irgendwann erlöste ihn ein tiefer Schlaf aus seinem Kummer.

 Als Martin aufwachte, war es noch tiefe Nacht. Die Familie war bereits vor einigen Stunden zu Bett gegangen und es herrschte Stille. Martin schlich hinunter um das Gewehr wieder in den Waffenschrank zu stellen. Als er auch den Schlüssel wieder an seinen Platz gelegt hatte und danach wieder nach oben gehen wollte, stutzte er. Wieso stand die Verandatür offen? Ok, nur einen spaltbreit, aber trotzdem. Immerhin war es draußen eiskalt und eigentlich war diese Tür im Winter so gut wie immer geschlossen. Da erregte etwas anderes seine Aufmerksamkeit. Es war ein Rascheln. Zuerst konnte er nicht genau sagen, woher es kam, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass sein Ursprung im Wohnzimmer war. Langsam ging er, so leise er konnte, zur Zimmertüre. Da! Schon wieder! Ob das vielleicht ein Einbrecher war? Martin fröstelte plötzlich. Sollte er nach seinen Eltern rufen? Und wenn es dann doch nur Einbildung gewesen war? Dann würde er schön dumm dastehen – er hatte den Argwohn der Eltern sowieso schon erregt. Also trat er langsam und vorsichtig ins Wohnzimmer, immer bereit, sich durch einen Sprint in Sicherheit zu bringen.

Er spähte herum. Nichts. Doch halt, da! Ein sehr leises Rascheln. Es kam aus Richtung des Tannenbaums. Komisch. Er schlich sich näher heran und starrte angestrengt auf den Weihnachtsbaum. Plötzlich sah er etwas. Das war…. ein Schnabel?!? Ein schwarzer Schnabel?!? Sehr vorsichtig bog Martin den Ast zur Seite, der ihm den Blick in die Baummitte verwehrte. Jesus Christus, das war der Rabe!!! Ein leises Krächzen bestätigte ihm, dass es Gott sei Dank keine Spukerscheinung sein konnte. Nun konnte sich Martin nicht mehr zurückhalten und legte seine Hände um den schwarzen Vogel, der gar nichts dagegen zu haben schien. Martin streichelte ihn und weinte vor Freude – aber eigentlich verstand er nun gar nichts mehr. Hatte er ihn doch nicht erschossen? Wie war er hereingekommen? Wieso hatte er keine Angst vor ihm? Egal, Hauptsache, Silberfleck lebte. Silberfleck, so hatte ihn Martin ‚spontan getauft‘, passend zu seinen helleren Federn im Genick. Der Rabe schaute ihn erwartungsvoll an. Martin streichelte ihn liebevoll. Wie konnte er dieses schöne, kluge Tier so verabscheut haben? Martin setzte sich im Türkensitz vor den Baum und ließ Silberfleck nicht aus seinen Armen, was dieser scheinbar gut fand und gefallen ließ.

 Die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen, da tapste Martins Schwester die Treppe schlaftrunken hinunter. Als sie durch die offene Zimmertür ins Wohnzimmer blickte, traute sie ihren Augen nicht: Martin saß mit einem Raben im Arm vor dem Christbaum – einem LEBENDIGEN Raben! Sie lief zurück nach oben und weckte den Rest der Familie. Alle huschten hinunter, um zu sehen, was da unten eigentlich los war. Der Rabe blinzelte und starrte die Menschen interessiert, aber furchtlos an. Da ergriff der Großvater endlich das Wort und meinte, dass dies vielleicht ein zahmer, also von Menschenhand aufgezogener Rabe sein könnte, obwohl er keinen Fußring hatte, wie das bei solchen Vögeln üblich ist.

Als Martin dann genauer befragt wurde, fasste er sich ein Herz und rückte mit der ganzen Geschichte heraus. Als er zu der Sache mit dem Gewehr kam, runzelte der Großvater erschrocken die Stirn, als er aber sah, wie dem Buben vor lauter Reue die Tränen über die Wangen liefen, meinte er: „Ich glaube, dass dein Schuss den Vogel nur gestreift hat. Er muss wohl deinen Spuren im Schnee gefolgt und durch die merkwürdigerweise zufällig offene Verandatür ins Haus gekommen sein. Dass er vor dir trotz deines Verhaltens keine Angst hat und dir gefolgt ist, ist mir zwar ein Rätsel, aber wie heißt es so schön? In der Weihnachtsnacht ist alles möglich!“

erzählt von Selune A.D. 1013

6 Kommentare on “Weihnachtsgeschichte 5 (2021)

  1. @Selune, ganz lieben Dank für diese , zu Herzen gehende , Geschichte . Empathie mit den Tieren ist ein hohes Gut ,leider nicht bei allen Menschen vorhanden. Darf garnicht daran denken , dass wieder Tiere nach Weihnachten ausgesetzt werden…UliStein hatte auch in einem Cartoon dieses leidige Thema aufgegriffen. Allen hier wünsche ich besinnliche Weihnachten 😺☺🎄.

  2. Wie schön! Danke dir für all deine Weihnachtsgeschichten! Uli hatte den Tieren in seinem Garten ja auch immer Namen gegeben. 💖 Dann wünsche ich auch mal allen hier ein schönes, stressfreies und fröhliches Fest. 🌟🎄🌟

  3. Das war wieder eine schöne Geschichte. Ich freue mich, das der große schwarze Vogel überlebt hat. Auch nicht so beliebte Tiere haben im Winter Hunger. Wenn der Kleine den Vogel nicht immer verjagt hätte, sondern gleich in friedlicher Absicht zu dem Vogel gegangen wäre, hätte er bestimmt eher gemerkt, das es ein netter Vogel ist. Dann hätte der Kleine den Vogel ein bißchen Abseits füttern können und alle wären zufrieden gewesen. Danke für die Mühe, uns an euren Geschichten teilhaben zu lassen. Ich hoffe, Du hast noch viele solcher schönen Geschichten für uns. Vielleicht dann zu Ostern? 🙂
    Erholsame Weihnachten wünsche ich Allen. Bleibt schön gesund und verliert euren Humor nicht. Viele Grüße aus dem verregneten Thüringen.

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