noch eine Weihnachtsgeschichte

Der alte Bär

Die ersten Türchen am Adventkalender waren schon offen, als Lisa und Hanni beisammensaßen und überlegten, was sie den Eltern zu Weihnachten schenken sollten. Lisa war die Jüngere und erst fünf und Hanni war schon neun. Nach einigem Nachdenken meinte Hanni: „Ich glaube, sie würden sich sehr über eine schöne Weihnachtskrippe freuen. Ich habe da einen tollen Ausschneidebogen im Bastelgeschäft gesehen, schauen wir einmal, wie viel Geld wir im Sparhäuschen haben.“ Sie kramte das Schlüsselchen aus dem hintersten Winkel der Schreibtischlade und sperrte es auf. Und es sah gut aus. Jeder Cent wurde von den Schwestern für solche Anlässe gespart. Nun sah sich Hanni im Zimmer um und sagte:

„Aber ganz zuerst müssen wir hier aufräumen – da sieht es ja aus wie bei den Räubern! Und wenn wir dann auch noch zum Basteln anfangen wird es noch schlimmer!“ Lisa war es recht, und so begannen sie Ordnung zu machen. Als die Wirtschaft beseitigt war, sahen sie ihren alten Teddybär Brumm-Bumm so halb unter Hannis Bett liegen. Er war wirklich schon sehr alt und mitgenommen, immerhin hatte er schon über achtzig Jahre auf seinem braunen Buckel. Aber die Kinder liebten ihn, obwohl er kein Fell mehr hatte, zigmal von der Mutter gestopft worden war, schon lange keinen Brummer mehr von sich gab und zwei verschiedene Augen hatte. Ja, er hatte ursprünglich goldbraune Augen, aber im Laufe der Jahre hatte er eines verloren. Man wollte es ihm zwar ersetzen, aber in dieser Größe gab es nur ein tiefblaues Auge, und so erhielt er eben dieses. Das war noch schöner als zwei verschieden große, oder gar nur eines. Hanni hob ihn auf und als sie ihn auf ihr Bett setzte, entdeckte sie wieder einen neuen Riss auf seinem Kopf.

„Ach schau, der arme Brumm-Bumm ist schon wieder krank“, sagte sie traurig zu ihrer Schwester. Diese setzte sich zu ihr und sagte: „Weißt du was wir machen? Die Urli hat mir letztes Mal etwas erzählt.“ „Was denn? Wenn es dem Brumm-Bumm hilft, mache ich alles.“ „Also sie hat gesagt, wenn man früher kaputtes Spielzeug in der Adventzeit ins Fenster gelegt hat, haben es die Engel geholt, repariert, und am Heiligen Abend wieder gebracht. Das werden wir machen. Genauso wie mit unseren Wunschzetteln. Vielleicht ist ja was Wahres dran!“ Hanni wollte ihrer Schwester nicht die Freude verderben, sie glaubte ja nicht mehr so richtig an das Christkind, und sagte zu ihr: „Wenn du meinst, dann können wir das tun, aber lass uns zuerst noch eine schöne Masche um seinen Hals binden, dass er fesch ist, wenn er in den Himmel gebracht wird. Sonst muss er sich ja schämen! Und – da wissen die Engel gleich, dass wir ihn sehr lieb haben.“

„Das machen wir so“, sagte Lisa voll Eifer und holte gleich eine schöne himmelblaue Schleife aus der Puppenschachtel, die eigentlich der Puppe Reni gehörte, und band sie Brumm-Bumm um den dicken Bärenhals. Dann drückte sie ihm einen Kuss auf die Schnauze und setzte ihn auf’s Fensterbrett. „Glaubst du, dass das genügt? Oder solltest du noch was dazuschreiben?“ „Nein. Wenn sie ihn holen, wissen sie bestimmt, was zu tun ist. Nur – setzen wir ihn zwischen das Fenster – so hat es ja die Urli gesagt.“ „Du hast recht. Also Brumm-Bumm. Alles Gute auf deiner Reise und komm gesund wieder zurück!“ So ein kleines bisschen seufzte Hanni in sich hinein, weil sie nicht wusste, wie sie es morgen ihrer kleinen Schwester erklären sollte, wenn der Bär noch im Fenster saß. Und sie war felsenfest davon überzeugt, dass Brumm-Bumm nicht fort sein würde. Wieso auch! Es wurde Zeit zum ins Bett gehen und sie wollten ganz schnell schlafen, weil sie sich schon auf morgen freuten. Am nächsten Tag wollten sie ja den Ausschneidebogen von der Krippe kaufen gehen. Und wirklich waren sie bald im Reich der Träume.

Das Christkind im Himmel beobachtete alles und freute sich sehr. Es kam schon äußerst selten vor, dass Kinder noch so etwas machten. Da wollten sie lieber gleich etwas Neues, Schöneres. So schickte es ein Englein los, den alten Bär zu holen. Es dauerte gar nicht lange und Brumm-Bumm war im Himmel. Jetzt kümmerten sich die Engel um ihn, die Risse wurden repariert, er bekam ein neues Fell und das ausgefranste Ohr wurde auch ausgebessert. Doch als sie das blaue Auge austauschen wollten, sagte das Bärli: „Nein! Bitte nicht! Das gehört schon so zu mir… und außerdem… dann erkennen mich Lisa und Hanni nicht mehr!“ Und so blieb es bei den verschiedenen Augen. Zum Schluss wurde noch die schöne blaue Masche frisch aufgebügelt und bald saß ein wunderbarer neuer – alter Teddybär da und brummte zufrieden. Weil – eine neue Stimme hatte er auch bekommen. Das war eine Freude! Weihnachten konnte also kommen.

Lisa wachte als erste auf und ihr Blick ging sofort zum Fenster. Sie konnte es kaum glauben – Brumm-Bumm war fort. „Hanni! Hanni! Wach auf! Unser Bär ist wirklich weg!“ Verschlafen rieb sich Hanni die Augen und sah auch zum Fenster. „Hast ihn nicht du… vielleicht… versteckt?“ „Nein! Warum sollte ich denn? Ich will ja, dass er wieder in Ordnung ist!“ Das leuchtete Hanni ein, aber sie schüttelte trotzdem ungläubig den Kopf. Sollte ihn die Mutti…? Nein – warum sollte sie? Sie wusste schließlich nichts von dem Plan der Schwestern. Lisa freute sich und Hanni wunderte sich.

Der Schultag verging heute so langsam! Hanni hatte gar keine Lust mehr zu lernen – sie dachte nur noch an die Weihnachtskrippe. Sie überlegte schon, ob sie zu Christian, dem Nachbarsjungen, gehen sollte, damit er ihr ein paar Tipps für’s Basteln gab und vielleicht sogar behilflich war, die Krippe zu beleuchten. Er war sehr geschickt und konnte so etwas. Mal sehen. Endlich läutete die Schulglocke. Eilig war sie heute beim Tor draußen! So schnell sie ihre Beine trugen, lief sie zum Bastelgeschäft, Hanni wollte nicht zu spät nach Hause kommen, dass sich die Mutti keine Sorgen machen musste. Sie kaufte den Ausschneidebogen und eine große Tube Klebstoff. Schere und ein kleines Messerchen hatte sie zu Hause. Da erwartete sie schon Lisa, die ganz gespannt auf die Krippe war. Und sie war wirklich schön! So viele Figuren! Natürlich die heilige Familie, die heiligen drei Könige, viele Hirten und Schafe und auch einige Engel. Die gefielen Lisa am Besten. Hanni studierte schon die Bastelanleitung, während ihre kleine Schwester noch immer alles bestaunte. „Fangen wir heute schon an?“, fragte Lisa. „Vielleicht, ich muss vorher noch die Aufgabe schreiben, dann kann es schon losgehen!“ Bevor es losging, schrieb Hanni noch das Wort „CHRISTKINDLWERKSTATT“ auf ein Stück Karton und hängte ihn an die Tür. Damit niemand hereinkam –  versteht sich.

Alles ging seinen Vorweihnachtlichen Gang, der Nikolo kam und am Adventkranz wurden immer mehr Kerzen angezündet. Die Wohnung füllte sich mit Düften nach Lebkuchen und Tannenreisig. Wie jedes Jahr. Und trotzdem war es anders heuer. Einer fehlte. Brumm-Bumm. War er doch immer der ständige Begleiter von einem der Mädchen. Der Mutter fiel das auf und sie fragte: „Wo ist denn euer Brummerle? Den habe ich schon ewig nicht mehr gesehen!“ Jetzt wussten die Schwestern nicht so recht was sie sagen sollten, aber die Mutter gab nicht nach und fragte noch einmal. „Wie – sollen wir das jetzt erklären?“, stammelte Hanni mit rotem Kopf, „wir haben, naja Brumm-Bumm hatte einen neuen Riss am Köpfchen, und da haben… wir… – na los Lisa, sag doch auch etwas!“ „Habt ihr ihn etwa weggeworfen?“, fragte die Mutter entsetzt. „Aber nein! Wir haben ihn ins Fenster gesetzt, damit ihn die Engel holen und ihn repariert am Heiligen Abend wieder zurückbringen!“ Lisa erzählte das so, als sei es das selbstverständlichste von der Welt.

„Ahhh. Wie seid ihr denn auf die Idee gekommen?“ Jetzt erzählten die Mädchen, was die Urli gesagt hatte und die Mutter schüttelte ungläubig den Kopf. „Und wo ist der Bär jetzt?“ „Na wo schon? Die Englein haben ihn geholt und jetzt ist er im Himmel!“ Lisa war anscheinend so sehr von dieser Tatsache überzeugt, dass sie das mit einer Bestimmtheit sagte, die die Mutter staunen ließ. „Aber du weißt schon, dass das nicht so ganz stimmt. Du, da hätten die Engel viel zu tun… bei den vielen Sachen die bei den Kindern kaputt gehen!“ Lisa ließ sich nicht von dem Gedanken abbringen. Für sie stand fest, wo Brumm-Bumm war.

Als Hanni am nächsten Tag von der Schule heimkam, sagte ihre Mutter zu ihr, noch bevor sie das Kinderzimmer betrat: „Du, mir lässt das keine Ruhe. Mir kannst du ja sagen, wo du den Bären versteckt hast. Gib ihn mir, vielleicht kann ich ihn doch noch einmal ausbessern. Wir brauchen Lisa ja nicht zu sagen, wer ihn repariert hat. Lassen wir sie in dem Glauben… sie ist ja noch klein… und sie glaubt noch so fest ans Christkind. Wollen wir ihr das nicht kaputt machen!“ „Mummi, ehrlich! Ich habe ihn nicht versteckt! Das musst du mir glauben!“ „Na was habt ihr denn gemacht?“

„Schau. Lisa hat mir erzählt, dass die Urli gesagt hat, na du weißt schon, das mit den Engeln. Und dann haben wir ihm noch eine schöne blaue Seidenmasche um den Hals gebunden und ihn ins Fenster gesetzt. Und am nächsten Morgen war er fort. Ich dachte schon, dass du ihn fortgenommen hast, irgendwie. Aber anscheinend…“ „Nein, ich habe ihn nicht. Sonst hätte ich ja nicht nach ihm gefragt. Und dass Lisa ihn selbst versteckt hat? Wär‘ das nicht möglich?“ „Nein, das glaube ich auch nicht. Das Fenster ist für sie noch viel zu hoch und streng geht es auch noch auf und es knarrt. Das hätte ich sicher gehört. Niemals!“ „Na, dann lassen wir uns überraschen.“ Mit diesen Worten war das Thema beendet. Kopfschüttelnd ging die Mutter in die Küche und dachte nach, was sich die Mädchen ausgedacht haben könnten.

Hanni ging zu ihrer Schwester ins Zimmer und nun machten sie die letzten Handgriffe an der Krippe. Christian hatte schon die Batterie und das Lämpchen eingebaut und wenn man den kleinen Schalter an der Seite kippte, wurde das kleine Wunderwerk erleuchtet. Die Mädchen waren sehr stolz auf ihr Werk und freuten sich sehr.

Endlich war er da, der Heilige Abend. Die Augen der Kinder leuchteten um die Wette und Lisa war so aufgeregt, dass sie ganz rote Ohren hatte. Hanni und die Mutter sahen sich groß an aber sie sagten nichts. Die Urli war auch schon da und sah ebenfalls sehr erwartungsvoll drein. Endlich! Das heißersehnte Klingeln aus dem Wohnzimmer ertönte. Wie jedes Jahr durften die Kinder als Erste hinein. Sie freuten sich über den schönen Baum, doch während sie die Weihnachtslieder sangen, glitten die Augen von Lisa durch das ganze Zimmer und suchten alles nach Brumm-Bumm ab. Aber sie konnte ihn nicht entdecken.

Dann wurden die Geschenke verteilt – die Weihnachtskrippe wurde sofort auf einen Ehrenplatz gestellt und es gab so viel schöne Sachen, aber keine Spur vom alten Bär. Lisa hatte einen Kloß im Hals und in einem unbeobachteten Moment sagte sie leise zu ihrer Schwester: „Wir hätten Brumm-Bumm doch nicht ins Fenster setzen sollen. Er ist weg! Aber wo?“ Hanni war auch ratlos.

Dann wurde gegessen, ein wenig gespielt und die Urli las zum Abschluss noch eine Weihnachtsgeschichte vor. So schön es auch war, irgendwann mussten die Mädchen ins Bett gehen. Beim Gutenachtsagen fragte die Urli: „Lisa, was ist los mit dir? Du schaust ein wenig traurig drein, und das schon den ganzen Abend!“ Nun sagte das Mädchen, was sie so sehr bedrückte. „Ach weißt du, ich habe Brumm-Bumm ins Fenster gesetzt, weil er schon so alt und kaputt war. Und er war weg. Aber zurückgekommen ist er auch nicht. Und jetzt bin ich traurig. Ich hab ihn doch so lieb!“

„Ah. Das wusstest du nicht. Diese Spielsachen liegen nicht unter dem Christbaum. Die sind wieder dort, wo man sie ins Fenster gelegt hat. Da sind die Engel ungestört, während alle beim Weihnachtsbaum sind und feiern. Lass uns einfach nachschauen!“ Mit diesen Worten nahm sie Lisa bei der Hand und ging mit ihr in Richtung Kinderzimmer. Hanni war ihnen knapp auf den Fersen. Die Mutter sah das und folgte ihnen. Jetzt wurde auch der Papa neugierig. Der wusste natürlich auch von dieser ganzen Geschichte und so ging die ganze Familie im Gänsemarsch auf das Kinderzimmer zu, angeführt von der lächelnden Urli.

Als sie die Türe öffnete, lag ein eigener Zauber über diesem Raum und es roch nach Vanillekipferln und Lebkuchen. Auf dem Schreibtisch stand ein großer Teller mit Weihnachtsgebäck, auf den Betten lagen zwei weiße, seidenweiche neue Nachthemden mit goldenen Sternen und auf dem Kopfpolster von Lisa saß ein neuer Teddybär. Alle staunten und Papa fragte ganz leise die Mutti: „Wann hast denn das gemacht?“ Die Mama sah ihn groß an und fragte eben so leise: „Ich?????“

Lisa sah den Bär sitzen, nahm ihn hoch und sagte: „Das ist nicht unser Brumm-Bumm. Der ist ja neu!“ Aber noch bevor sie den Satz beendet hatte starrte sie in das braune Bärengesicht. Der Teddy hatte zwar ein neues Fell aber er hatte zwei verschiedene Augen, ein goldbraunes und ein tiefblaues. Und eine hellblaue Seidenmasche um den Hals – und als sie ihn an sich drückte, begann er zu brummen. Die Familie rätselte noch lange wie das gekommen war, sogar die alte Urli staunte. Das Bärchen wurde ganz genau untersucht und man kam immer mehr zu der Überzeugung, dass das tatsächlich Brumm-Bumm war. Wie und was und warum? Manches Mal sollte man die Dinge nicht hinterfragen sondern einfach akzeptieren wie sie sind…

      erzählt von Soreylia A. D. 2013

8 Kommentare on “noch eine Weihnachtsgeschichte

  1. Wie schön! Danke! Freue mich schon auf die nächste Geschichte!
    Werde die Nacht auf dem Fensterbrett verbringen, an mir wäre auch einiges zu reparieren…

    1. Ist ja arg! Für ein Proggi, das nicht kennt, was es da liest, einfach unglaublich! Allerdings muss ich – einfach so aus Neugier – mal probieren, wenn ich die Satzzeichen verändere oder weglasse, wie sich das dann im Vergleich anhört.
      Ich für meinen Teil ziehe allerdings trotzdem das gedachte Wort vor – oder das von meinen Lieblingslesern Vorgetragene…

    2. Danke für den Tipp – wusste ich noch nicht. Hatte es erst grad auf dem Handy geschafft, dass mir die Geschichte vorgelesen wurde. Aber auf dem Laptop kann man ja sogar noch die Lesegeschwindigkeit einstellen. Nicht mal so schlecht… da kann man sich die Geschichte vorlesen lassen, während man kocht oder die Katzis füttert. 😃

  2. So eine anrührende Geschichte🤗,fühle mich in meine Kindheit zurückversetzt, vielleicht können wir davon noch mehr zu lesen bekommen. In dieser speziellen Zeit ist es Balsam für die Seele.

  3. Da fällt mir eine wahre Begebenheit ein. Es war Weihnachten und in den Kindergarten kam der Weihnachtsmann. Alle Kinder waren ganz still und brav. Als der Weihnachtsmann dann meinen Bruder fragte, ob er auch brav war, war er ganz verängstigt und fing an zu weinen. Die anderen Kinder, die nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubten, fingen an zu lachen und sagten zu meinem Bruder „Das ist doch nicht der Weihnachtsmann, das ist deine Mutter!“ Ja, alle haben sie trotz verstellter Stimme erkannt, nur mein Bruder nicht…

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