Weihnachtsgeschichte 4 (2021)

Das Nein-sag-Engerl

Wie immer war in der Vorweihnachtszeit im Himmel viel zu tun. Die ganzen langen Wunschlisten der Kinder lagen vor Petrus, dessen Aufgabe es war, diese fein säuberlich zu sortieren und den jeweiligen Himmelswerkstätten zuzuteilen. Da gab es schon einiges zu tun. Alle waren fleißig und taten brav ihre Arbeit – bis auf einen. Der kleine Engel Jerimi hatte überhaupt keine Lust etwas zu tun. Er ging von Werkstatt zu Werkstatt, sah überall ein wenig zu und machte so lange Unfug, bis ihn die anderen Engel erbost fortschickten. Natürlich kam das auch dem guten Petrus zu Ohren, dem das gar nicht gefiel. Er nahm sich vor, bei Gelegenheit ein ernstes Wörtchen mit ihm zu reden.

Es war dumm von Jerimi, auch bei Petrus vorbeizuschauen und ihn zu necken, denn dieser hatte ihn gleich am Schlafittchen und sagte:

„Ich glaube, dir ist langweilig – willst du nicht auch etwas zu Bewältigung der vielen Arbeit beitragen?“

„Nein. Ich habe keine Lust zu arbeiten. Außerdem, was soll ich denn tun? Alle schicken mich fort. Keiner braucht mich.“

„Da habe ich aber ganz andere Sachen von dir gehört! Du vertauscht die Malfarben, stibitzt die schönsten Kekse, verknotest die Wollfäden und dann – du hast die Schuhe vertauscht! In jeder Geschenkschachtel waren zwei verschiedene! So geht das nicht, mein Lieber!“

„Aber ich…“

„Sei still. Ich will gar nichts hören! Du wirst jetzt hier bei mir helfen, die Wunschzettel zu ordnen. Wir wollen doch sehen, ob aus dir nicht doch ein anständiges Engerl wird!“

„Nein. Das kann ich nicht.“

„Sagen wir lieber – das willst du nicht! Also los. Du kannst schon beginnen.“

Mit diesen Worten gab er Jerimi einen ganzen Packen Wunschzettel und sah ihn streng an.

„Und dass du mir keinen Blödsinn machst! Ich muss jetzt in der Puppenwerkstatt nach dem Rechten sehen. Da ist heuer besonders viel zu tun.“

Er erklärte dem Engerl noch, was es tun musste – und das war schon ein bisschen schwierig. Da auf den einzelnen Wunschzetteln viele verschiedene Wünsche standen, mussten Aufträge für die jeweils richtigen Werkstätten geschrieben werden.

Als Petrus gegangen war, schnaufte Jerimi widerwillig und streckte die Zunge in seine Richtung heraus.

„Nein, das mache ich nicht“, maulte er trotzig.

Er saß da und starrte die vielen Wünsche der Kinder an, die er bearbeiten sollte.

Der Heilige Mann hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Er beeilte sich sehr, dass er bald in seine himmlische Portierloge zurückkam. Jerimi saß noch immer mit verschränkten Armen da und hatte nichts getan. Jetzt gab es aber ein Donnerwetter.

„Also das ist doch die Höhe! Hast nichts getan, du Faulpelz! Wer glaubst du eigentlich, dass du bist? Hier müssen alle zusammenhelfen! Du gehst jetzt mit mir in die Malerei. Die werden dir schon zeigen, was du tun kannst!“

„Nein. Dort will ich nicht hin! Ich kann nicht malen!“

Petrus horchte gar nicht zu, nahm den bockigen Bengel bei der Hand und ging mit ihm in die Malerwerkstatt. Er erklärte dem Oberengel, was Sache sei, und dieser sagte:

„Ach, er kann also nicht malen. Schau an. Zum Lernen haben wir jetzt keine Zeit – aber ich weiß schon was! Er wird unsere Pinsel und die Maltöpfchen auswaschen. Das hält uns so von der Arbeit auf. Und dabei kann er nachdenken, was ein guter Engel tun sollte!“

Jerimi war das gar nicht recht. Halbherzig tat er, was ihm aufgetragen worden war. Die Pinsel waren nicht sauber ausgewaschen und als die Engel weiter malen wollten, zogen sich blaue und rote Schlieren durch die gelbe Farbe.

„So geht das aber nicht!“, rügte ihn der Oberengel, „Nur weil du so schlampig ausgewaschen hast, ist das Werkstück verdorben. Du machst uns ja mehr Arbeit als zuvor!“

„Ich will eh nicht!“, sagte Jerimi trotzig und trat dabei so heftig gegen ein Farbtöpfchen, dass dieses umfiel und sich die lila Farbe über den weißen Wolkenboden ergoss.

Zornig brachte ihn der Engel zu Petrus zurück. Dieser war sehr erbost über den kleinen Tunichtgut und donnerte:

„Dann wirst du eben wo anders hingehen. Aber du wirst etwas tun! Das versichere ich dir!“

„Nein, ich will nicht.“

Der Protest nützte nichts. Nach und nach machte er alle Werkstätten durch, doch es endete immer beim Heiligen Petrus. Jetzt war guter Rat teuer.

„Was mach ich nur mit dir? Irgendetwas muss geschehen“, murmelte er in seinen Bart.

In seiner Not ging Petrus zum Christkind, das immer einen guten Rat wusste, und erzählte ihm seinen Kummer. Es hörte aufmerksam zu und nach einigem Nachdenken meinte es:

„Schicke Jerimi zu mir. Ich werde mit ihm reden. Ich habe da nämlich eine Idee…“

Das war dem kleinen Trotzkopf aber jetzt gar nicht recht. Etwas verlegen trat er beim Christkind ein.

„Ich habe gehört, dass du nicht für das Weihnachtsfest mithelfen willst“, sagte es mit seiner sanften Stimme. „Aber wir brauchen jede Hand, sonst werden wir bis zum Heiligen Abend nicht fertig. Das ist dir schon klar? Da bleibt nur eines. Du musst hinunter auf die Erde gehen und den Kindern, die wegen deiner Faulheit leer ausgehen, sagen, warum sie nichts bekommen. Hier hast du eine Liste mit Namen. Geh gleich los, fliege hinab und tu, was ich dir aufgetragen habe. Ich werde dich beobachten und gleich vorweg, ein ‚Nein‘ will ich jetzt nicht hören. Hast du das verstanden?“

Das Christkind sagte das sehr streng und bestimmt und Jerimi spürte, dass es jetzt keine Widerrede mehr gab. Obwohl – dieser Auftrag gefiel ihm noch viel weniger als alle anderen Aufgaben vorher.

Mit gesenktem Kopf ging er an Petrus vorbei und wollte schon grußlos durch das goldene Himmelstor verschwinden, da sprach ihn dieser an:

„Jerimi, wohin willst du? Du kannst nicht so einfach den Himmel verlassen! Du musst mir sagen wohin? Warum? In wessen Auftrag? Also bitte. Ich höre…“

Nur sehr kleinlaut antwortete das schlimme Engerl:

„Der Heilige Christ hat mich hinunter auf die Erde geschickt. Ich soll den Kindern sagen, warum sie nichts zu Weihnachten bekommen. Sankt Petrus – bin wirklich ich schuld daran, dass viele jetzt ohne Geschenke dastehen? Obwohl sie brav waren? Und es eigentlich verdient haben?“

„Wenn das Christkind das gesagt hat, wird es schon seine Richtigkeit haben. Gut. Ich trage dich ins goldene Himmelsbuch ein. Geh und erfülle deinen Auftrag!“

Das goldene Tor öffnete sich und Jerimi schwebte langsam auf die Erde nieder. Er hatte sich das immer viel lustiger vorgestellt, aber jetzt…  Er kam sich sehr verlassen und alleine vor. Und das war er auch. Er hielt die Liste mit den Namen umklammert und wagte gar nicht, darauf zu schauen. Am liebsten wäre er ewig so hinuntergeflogen, nur um Zeit zu gewinnen, aber irgendwann kam er auf der Erde an und es gab keinen Aufschub mehr für diese unangenehme Arbeit.

Es war schon Schlafenszeit für die Kinder und irgendwo musste er anfangen. Jerimi sah auf den Zettel mit den Namen, den er vom Christkind bekommen hatte. Halblaut las er:

„Jonas. Vier Jahre. Einen Teddybär, einen Baukasten und einen Kran.“

Engel können ja jederzeit in ein Haus oder eine Wohnung eintreten, ohne dass es jemand merkt und so machte es auch unser kleiner Nichtsnutz. Er stand vor dem Kinderbettchen und sah den Knaben an. Er dachte schon nach, wie er es anstellen sollte, da schlug der kleine Mann unverhofft die Augen auf. Jerimi erschrak ganz furchtbar.

„Was willst du hier bei mir?“, fragte Jonas, „Bist du ein Engel?“

„Ja“, kam es ganz leise zurück. Jetzt musste er es sagen, ob er wollte oder nicht.

„Ich muss dir etwas sagen – es tut mir leid, aber du wirst heuer keine Weihnachtsgeschenke bekommen.“

Es war heraus.

„Warum?“, fragte der kleine Bub, „War ich schlimm?“

Während Jonas das fragte, füllten sich seine Augen stumm mit Tränen.

Ja, und jetzt wollte Jerimi schwindeln und ihm irgendetwas von kranken Engeln und zu wenig Sägemehl für den Teddy erzählen – und da geschah es. Ihm versagte die Stimme und er konnte nicht mehr sprechen.

„Was ist mit dir?“, wollte Jonas wissen.

„Weiß selber nicht…“, sagte der kleine Engel und wunderte sich, dass er nun doch sprechen konnte. Aber, wie er wieder zu der Lüge kam, kam abermals kein Ton über seine Lippen. Dann wollte er die Schuld auf einen anderen faulen Engel schieben, den es ja nicht gab – aber auch das ging nicht. Das ging so lange, bis er endlich die Wahrheit herausgewürgt hatte.

„Ich bin schuld. Ich wollte nicht mithelfen. Ich hatte nur Unsinn im Kopf. Es tut mir leid“, stammelte er.

Zu seinem Erstaunen blieb der Bub ganz ruhig. Er sah ihn nur mit großen Augen an und dabei rannen ihm unentwegt heiße Tränen über die Wangen. Dann legte er sich zurück auf sein Kopfkissen, drehte sich weg und weinte sich in den Schlaf.

      Jerimi war schon wieder auf der Straße, aber die traurigen Augen von Jonas verfolgten ihn. Es schneite leicht und eigentlich ist einem Engerl nie kalt, aber Jerimi fror. Das kam von innen – tief aus seinem Herzen. Er sah wieder auf die Liste. Er erschrak, als er las:

„Städtisches Waisenhaus.“

Weiter kam er gar nicht. Jetzt musste er weinen.

„Nein ! Ich will nicht! Dort gehe ich nicht hin. Niemals!“

Er setzt sich auf eine verschneite Bank und ließ seinen Tränen freien Lauf. Und es sollte das letzte ‚Nein‘ sein, das über Jerimi’s Lippen kam.

„Was mache ich jetzt? Wenn ich den Auftrag nicht ausführe, brauche ich gar nicht in den Himmel zurückzugehen. Aber diesen armen Kindern kann ich das nicht antun. Der Jonas hat mir schon so leidgetan und jetzt? Ich weiß nicht mehr weiter. Ich schäme mich so sehr!“

Das Christkind beobachtete Jerimi die ganze Zeit über und lächelte.

„Ich wusste doch, dass du nicht schlecht bist, kleiner Jerimi, nur ein großer Schlingel.“

Mit diesen Worten begab es sich zum Heiligen Petrus, trug sich in das goldene Buch ein und schwebte auf die Erde nieder.

Jerimi saß noch immer auf der verschneiten Bank und weinte bitterlich. Das Christkind setzte sich zu ihm und begann ihn zu trösten.

„Na, wie sieht’s aus? Willst du weiter den Kindern Kummer machen, oder willst du lieber zurück in den Himmel und vielleicht doch ein wenig mithelfen, dass alle braven Kinder zu ihren Gaben kommen?“

Voll Hoffnung sah Jerimi dem Christkind in die Augen und fragte:

„Darf ich denn wieder zurück? Ich konnte deinen Auftrag nicht ausführen und – ich wollte lügen… das war nicht gut, gell? Aber ich konnte es nicht! Irgendwie war meine Stimme verstummt.“

„Siehst du, deshalb hast du es nicht getan!“

„Ja. Weil ich plötzlich nicht mehr sprechen konnte. Es tut mir so leid…“

Das Christkind legte den Finger auf die Lippen und lächelte ganz sanft.

„Das braucht aber niemand zu wissen. Das ist unser Geheimnis.“

„Aber der Liebe Gott weiß es.“

„Der ist gütig und drückt bestimmt ein Auge zu.“

„Aber der arme Jonas – ihm habe ich es gesagt und er war so traurig.“

„Wir schicken einfach das Sandmännchen vorbei, das soll ihm einen tollen Weihnachtstraum schenken, dann vergisst er es, noch bevor er aufwacht.“

Jerimi hatte sich schon etwas beruhigt und konnte es kaum erwarten, zurück in den Himmel zu kommen. Er hatte sich vorgenommen, ganz fleißig zu sein und das Christkind nicht zu enttäuschen.

Und so war es dann auch. Als der Weihnachtsabend da war, waren alle Geschenke fertig und die Englein sahen vom Himmel aus zu, wie sich die Kinder auf der Erde freuten. Jerimi guckte zu Jonas, der einen Teddybär, einen Baukasten und einen Kran bekommen hatte und freute sich unendlich, als er das glückliche Leuchten in seinen Kinderaugen sah.

erzählt von Soreylia A. D. 2013

5 Kommentare on “Weihnachtsgeschichte 4 (2021)

  1. Eine sehr berührende Weihnachtsgeschichte 😥 , dazu gehört viel Herz um so etwas zu erzählen. Ganz lieben Dank an Selune , die uns an dieser Weihnachtsgeschichte teilhaben lässt. 🕯🕯🕯🕯☺❄

  2. Die Weihnachtsgeschichte ist so traurig und so schön gleichzeitig. Man muß nur die richtige Motivation finden, um jemanden etwas tun zu lassen, wozu er eigentlich keine Lust hat.
    Ist doch bei uns auch so: Wir gehen zur Arbeit, müssen manchmal Dinge tun, wozu wir keine Lust haben, aber der Lohnzettel motiviert uns. 🙂 😉 🙂
    Danke für die Geschichte. Ich wünsche Allen noch einen schönen 4. Advent.

  3. Wie schön! Ob Jerimi der „kleine ungezogene Engel“ aus dem Lied „Peterle“ von Ludwig Hirsch ist? Danke, liebe Selune, das du mit uns Soreylias literarisches Erbe teilst. Ich glaube, sie würde sich drüber freuen.

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